Berge, Türme, Minarette
(29.11.2009) Schweizer mögen Türme. Wie sie auch ihre Berge lieben. Man schaut bei uns traditionell gern aus weiter Höhe in die Welt hinaus. Türme und Berge stehen darum seit je für Wunsch und Wille, den eigenen Horizont zu erweitern. Wenn Menschen in diesem Land nun gern das eine oder andere Türmchen auf ihr Versammlungszentrum bauen wollen, so müsste dies rein theoretisch auf nichts als wohlwollendes Verständnis stossen: Da fühlen andere ebenso wie wir!
Doch der fremde Turm, das Minarett, wird offensichtlich anders verstanden: Als Zeichen der Abgrenzung, gar der Bedrohung und Feindseligkeit. Das ist schade. Besonders, weil diese ablehnende Haltung vor allem vom Verlust eigener Werte und Traditionen zeugt: Lieber gräbt man sich hier und heute ein, als sich auf einem Turm, einem Gipfel, um grösseren Weitblick zu bemühen.
Künftig soll es nun also verboten sein, in der Schweiz Minarette zu bauen. Eine Mehrheit der Stimmbürger will es so. - Das Resultat dieser Volksabstimmung gibt mir zu denken: Angst ist eine schlechte Beraterin! Besser wäre, unseren neuen Nachbarn und ihren Anliegen mit Offenheit zu begegnen. Die Fremden, die in die Schweiz gekommen und da geblieben sind, suchen und finden Wege um den Ort, wo sie nun leben und arbeiten, ihre neue Heimat zu nennen. Ihre Türme könnten deshalb auch als Zeichen der Freundschaft erkannt werden: Horizonterweiterung für alle!
Doch die Aussicht von Turm oder Berg geniessen kann nur, wer ihn ersteigt. Und Fremde werden nur zu Freunden, wenn sich Türen öffnen - anstatt dass sie zugeschlagen werden.
An Elefanten denken
(19.11.2008) In einem Schulzimmer im südlichen Afrika schreibt die Lehrerin ein grosses E an die Wandtafel. „E steht für Elefant“, sagt sie. „Wisst ihr, wie ein Elefant aussieht?“ Da fliegen die Hände in die Höhe. Vier dicke Beine, natürlich! Ein runder Bauch. Zwei grosse Ohren und vor allem: Die lange Nase, der Rüssel. Teil um Teil zeichnet die Lehrerin, was die Schüler vorschlagen – bis das Tier vollständig von der Tafel schaut. „Ja, das ist ein Elefant“, lobt die Lehrerin. „Zumindest ein Elefantenbild. In Wirklichkeit sind Elefanten aber grösser. Kinder, wisst ihr, wie gross sie sind?“
So gross wie ein Auto, schlägt ein Junge vor. Die Lehrerin lächelt. „Hat jemand von euch schon einen lebenden Elefanten gesehen?“, fragt sie. „In einem Tierpark, vielleicht?“
Jetzt bleiben die Hände unten.
„Ich auch nicht“, tröstet die Lehrerin. „Aber als Kind wohnte ich nur fünfzig Kilometer vom grossen Nationalpark entfernt. Leider fuhren wir nie hin, dafür hatten wir kein Geld. Elefanten, so stellte ich mir damals vor, wären etwa so gross wie Stiere.
Eines Morgens war unser Maisfeld zertrampelt. Von den Kühen des Nachbarn, dachten wir, doch es gab keine Spuren von Kühen. Überall fand sich nur ein grosser, runder Abdruck. Als hätte jemand einen schweren Topf Schritt für Schritt in die Erde gepresst. – Wir rätselten noch über diese Verrücktheit, da fuhren Wildhüter vom Park mit dem Jeep ins Dorf: ‚Ein Elefant ist durch die Zäune gebrochen, habt ihr ihn gesehen?’, fragten sie. Wir sagten ‚Nein’, doch sie lachten und riefen: ‚Hier ist seine Spur.’ Der Kochtopf. Es war die Spur eines Elefanten! Wie bin ich damals erschrocken. Die Füsse allein schon so breit wie Kochtöpfe – wie riesig muss da erst das ganze Tier sein?“
Die Schüler staunen mit runden Augen. Macht die Lehrerin Spass?
„Nein, nein, es ist wirklich wahr. Elefanten sind gross wie ein Strohdachhaus!“ Die Lehrerin seufzt. „Tierparks in Afrika sind nur für reiche Leute“, meint sie etwas bitter. „Und in unseren Köpfen bleiben Elefanten klein wie Kühe.“ Dann lächelt sie wieder: „Dafür kennt ihr jetzt das E. E steht für Elefant!“
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